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Die 20-jährige Lernreise von Karlheinz und Simon

Die 20-jährige Lernreise von Karlheinz und Simon

Autor: Simon Dückert

Die Geschichte der Corporate Learning Community ist eng verwoben mit meiner persönlichen Entwicklung und den sich wandelnden Lernformaten der letzten 15 Jahre. Von den ersten Wissensmanagement-Stammtischen über die Entstehung der Corporate Learning Camps bis hin zu innovativen MOOC-Formaten zeigt sich eine kontinuierliche Evolution des gemeinsamen Lernens in Unternehmen.

Vorgeschichte

Für die, die mich nicht kennen: Ich bin Simon Dückert, mittlerweile über 50 und von der Ausbildung Elektroingenieur mit Nebenfach Philosophie. Seit Mitte der 1990er Jahre hat mich das Thema Wissensmanagement fasziniert und ich habe dazu meine Diplomarbeit am Fraunhofer IIS geschrieben.

Wie das so ist, wenn man in einer Profession ist, schaut man sich auch mal um: Gibt es da Vereine, gibt es da Fachgesellschaften? So bin ich auf die Gesellschaft für Wissensmanagement e.V. (GfWM) gestoßen, die sich Anfang der 2000er gegründet hat. Das Thema Wissensmanagement war hier in Deutschland Mitte der 90er bekannt geworden, international ein bisschen früher schon. Die vom Branchenverband BITKOM veranstaltete Konferenz KnowTech entwickelte sich zum Treffpunkt der Wissensmanagement-Szene.

Die Gesellschaft für Wissensmanagement gründete sich 2001, ursprünglich mit der Idee, Trägergesellschaft für einen Masterstudiengang zum Wissensmanagement zu sein. Ulrich Schmidt aus Frankfurt hatte die Idee, dass neben so einem Masterstudiengang auch der regionale Austausch wichtig ist, und rief das Konzept der Wissensmanagement-Stammtische der GfWM ins Leben.

Ich hatte mit Ulrich gesprochen und dann mit einem Kollegen zusammen am 12. Februar 2004 den Wissensmanagement-Stammtisch für Mittelfranken gegründet. Stammtisch, so wie man sich das vorstellt: Man trifft sich einmal im Monat, nicht zum Bier trinken, sondern um sich regelmäßig über das Thema Wissensmanagement auszutauschen.

Ende 2005 haben wir bei Cogneon unsere Knowledge Jams gestartet. Das war schon so eine Art Mini-Barcamp-Format, ohne festes Programm, sondern Leute haben ihre Sessions gepitcht. Ich hatte das damals aus USA aufgeschnappt, da gab es ein Format „LexThink" mit dem Untertitel „No PowerPoint, No Agenda, No Kidding". Das heißt, wir zeigen uns nicht nur gegenseitig Folien und erzählen uns, wie toll wir alle sind, sondern wir reden über „das Eingemachte": was funktioniert in der Praxis, was funktioniert nicht.

Karlheinz und Simon lernen sich kennen

Eine Kollegin von mir, Kerstin, kam eines Tages zu mir und sagte: „Mensch, ich habe da jemanden getroffen, den Karlheinz, den müsstest du mal kennenlernen. Ich habe das Gefühl, eure Themen könnten passen".

Karlheinz hatte vorher lange Zeit bei Siemens das Thema Aus- und Weiterbildung betreut. Ich hatte hinterher ein ganz komisches Gefühl, weil wir auf der einen Seite viele überlappende Themen hatten, er aber die ganze Zeit von Training sprach und man müsste Training neu denken und von Learning Professionals. Damit hatten wir im Wissensmanagement aber überhaupt nichts zu tun. Dort arbeitet man eher mit den Fachabteilungen, da wird z.B. überlegt, wie man Gelerntes aus Projekten an andere Projekte weitergibt oder wie das implizite Wissen von ausscheidenden Personen bewahrt werden kann. Nur in ganz seltenen Fällen spielen da E-Learnings oder Trainings eine Rolle.

Karlheinz beim 19. Knowledge Jam (ckj19) im November 2013\
in der Cogneon Akademie (Quelle: Simon Dückert), Auf dem Bild stehen drei Männer in einem Raum und sprechen
miteinander. Einer von ihnen erklärt gerade etwas mit Handbewegungen. Im
Hintergrund hängt ein gelbes Plakat mit der Aufschrift: \"MANAGEMENT
1.0? NEIN DANKE! Der große deutsche Management MOOC 16.9. --
8.11.2013\"

Nach dem Termin wusste ich erstmal gar nicht so richtig, ob das passt oder nicht. Aber Karlheinz kam weiterhin zum Wissensmanagement-Stammtisch und ab 2007 auch zu Knowledge Jams. Diese unterschiedlichen Perspektiven erwiesen sich als sehr fruchtbar für unsere spätere Zusammenarbeit.

Barcamps und das Corporate Learning Camp

Tim O'Reilly organisierte 2004 das erste Foo Camp (Friends of O'Reilly) in USA, 2005 war dann das erste Barcamp im Silicon Valley. Das schwappte relativ schnell nach Deutschland: In Hamburg war das erste Barcamp, und wir waren dann hier mit dem Barcamp Nürnberg\ im Dezember 2006 das zweite oder dritte Barcamp. So machten wir nach dem Knowledge Jam die nächsten Erfahrungen mit Un-Konferenz-Formaten.

Karlheinz hatte zwei Bekannte aus seinem Siemens-Kontext und erzählte eine ganze Weile beim Wissensmanagement-Stammtisch, dass er mit denen gern so ein Barcamp zum Thema Wissensmanagement auf die Beine stellen würde. Aber die Planung kam nicht so richtig voran. Ich dachte mir, in der GfWM haben wir den Masterstudiengang, wir haben regionale Stammtische, aber eigentlich fehlt uns noch ein Jahresevent für die Community.

gkc09 Sessionplan Samstag mit Session „Wissensmanagement Vision 2100"
von Simon (Quelle: Simon Dückert), Videointerview mit Karlheinz und Simon auf dem KnowledgeCamp 2009\
(Quelle: YouTube), Das Bild ist auf dem KnowledgeCamp 2009 entstanden. Auf dem Bild sind
zwei Männer, Karlheinz Pape und Simon Dückert, zu sehen. Einer trägt ein
Mikrofon und interviewt den anderen. Der Mann mit Mikrofon schaut den
anderen freundlich an. Im Hintergrund hängen Infoblätter. Unten im Bild
sieht man, dass es sich um ein Video handelt -- es läuft gerade bei
Minute 7:30 von insgesamt 27:29
Minuten.

Karlheinz hatte damals mit Hessenmetall zusammen die Community of Training Practice (CoTP). Er kam dann aus diesem Kontext heraus auf die Idee, dass so ein Barcamp-artiges Format für die CoTP auch ein guter Treffpunkt zum Austausch sein könnte. Im September 2011 organisierte er das erste Corporate Learning Camp in Darmstadt mit 80 Leuten, die alle vom Format begeistert waren.

Poster vom 1. Corporate Learning Camp 2011\
(Quelle: alwaysbeta.de)

Ich selbst bin erst dazu gekommen, als das Corporate Learning Camp in der Hochschule Frankfurt war, wo wir dann bis 2017 blieben. Über Hessenmetall bestand der Kontakt, sodass wir da gute Konditionen hatten und das finanzielle Risiko überschaubar blieb. Das Corporate Learning Camp war in meinen Augen für die Community zum Start ein wichtiger Schritt - ein jährliche Anker als Treffpunkt, für den Austausch und für die Planung gemeinsamer Aktivitäten.

MOOCs und die Corporate Learning MOOCs

Ausgehend von Wissensmanagement-Projekten bei Schaeffler (s. a. 24 Jahre Wissensmanagement bei Schaeffler ) und bei adidas (s. a. Innovation in business education - the new way of learning at the Adidas Group Learning Campus ) zwischen 2004 - 2009 haben wir bei Cogneon das Benchlearning-Projekt zum Thema „Social Intranet" und im Folgejahr zu „Future of Learning and Working" gemacht. Eines der Ergebnisse 2013 war die Liste innovativer Lehr- und Lernmethoden . Auf Nummer 1 landeten Barcamps, mit denen wir schon viel Erfahrung hatten. Aber auf Platz 2 landeten Massive Open Online Courses (MOOCs). Die New York Times hatte 2012 zum Jahr des MOOCs gekürt und niemand im Benchlearning hatte praktische Erfahrung damit.

Wir sagten uns: Das ist spannend, wenn jetzt mit den sozialen Intranets Web 2.0-Technologien im Unternehmen vorhanden und MOOCs ein großes Ding sind, dann müssen wir das mal ausprobieren. Da ich großer Fan von Gary Hamel's Video „Reinventing the Technology of Human Accomplishment" und seinem Konzept von Management 2.0 bin, haben wir folglich als Namen Management 2.0 MOOC\ gewählt und den Kurs dann vom 16. September bis 8. November 2013 stattfinden lassen.

Wir hatten über 900 Teilnehmende und experimentierten schon damals mit Lerngruppen in Regionen oder Unternehmen . Der MOOC hatte eine Auftakt- und Abschlusswoche sowie sechs Themenwochen: Lernen 2.0, Projektmanagement 2.0, Innovation 2.0, Enterprise 2.0, Kommunikation 2.0 und Führung 2.0. Wir hatten Livesessions - damals noch über Google Hangout mit einigen technischen Herausforderungen.

Anmoderation der Livesession des Management 2.0 MOOC auf dem Corporate
Learning Camp 2013 mit Karlheinz und Simon (Quelle: YouTube), Auf dem Bild ist eine Veranstaltung zu sehen. Viele Menschen sitzen
oder stehen in einem offenen Raum mit Tischen. Vorne sitzen und stehen
drei Männer mit Mikrofonen. Einer liegt entspannt auf einem roten Sofa.
Auf dem Bildschirm steht unten: „Sauter, Robes, Dückert". Oben liest man
den Titel der Veranstaltung: „Management 2.0 MOOC -- Expertenrunde
Lernen 2.0". Es handelt sich um die Anmoderation der Livesession des
Management 2.0 MOOC auf dem Corporate Learning Camp 2013 mit Karlheinz
Pape und Simon
Dückert.

Eine Livesession machten wir auf dem Corporate Learning Camp 2013 im Foyer der Hochschule Frankfurt. Die TU Kaiserslautern betrieb Begleitforschung und erstellte einen Evaluationsbericht zum Management 2.0 MOOC . Die Teilnehmenden waren insgesamt sehr zufrieden, gerade das soziale Lernen und sich miteinander vernetzen wurde sehr positiv beurteilt.

Nach dieser MOOC-Erfahrung sprach ich mit Karlheinz darüber, das MOOC-Format auch in der Corporate Learning Community zu verwenden. Wir haben dann für Ende 2015 den ersten Corporate Learning 2.0 MOOC organisiert. Diesmal nicht mit an Themen orientierten Wochen, sondern wir gaben acht verschiedenen Unternehmen die Möglichkeit, ihre Fallbeispiele vorzustellen. Im ersten MOOC waren z.B. Deutsche Bahn, Swisscom, Festo, Miele, SAP und adidas dabei.

2017 organisierten wir dann den Corporate Learning 2025 MOOCathon - eine Kombination aus MOOC und Hackathon (Promo-Video ). Die Grundidee war, in dem MOOC wieder Themen und Entwicklungen anhand von Firmenbeispielen sichtbar zu machen, dann Sommerpause für „Hausaufgaben" zu lassen und in einem Hackathon das Gelernte in einer Vision 2025 zusammenzufassen. Das mündete in dem Wikibook „Organisationales Lernen im digitalen Zeitalter"\ . Die Vision haben wir in den Folgejahren als Leitthemen der Corporate Learning Camps verwendet und die Vision Anfang 2023 zu einer Corporate Learning Vision 2030 weiterentwickelt, die das Verschmelzen von Arbeiten und Lernen in der Wissensgesellschaft in den Mittelpunkt stellt.

Vision 2030 der Corporate Learning Community, Weiterentwicklung der
Vision 2025 aus dem Corporate Learning 2.0 MOOC (Quelle: Simon Dückert), Die Grafik zeigt, wie sich eine Lernende Organisation entwickelt. In
der Mitte steht ein gelber Kreis mit den Worten: „Zusammen arbeiten und
lernen". Oben steht: Vision, Ziele, Strategie, Leitbild, Werte, Trends
-- das sind wichtige Grundlagen. Links geht es um Anforderungen aus
Wirtschaft, Umwelt und Gesellschaft. Rechts stehen die Zielgruppen und
Stakeholder, also alle, die betroffen sind oder mitreden. Außen herum
sind Ideen für die Zukunft, zum Beispiel: - Wissen soll geteilt
werden. - Menschen sollen selbst organisiert und gemeinsam lernen. -
Lernen passiert auch in digitalen Räumen. - Lernabteilungen werden zu
Netzwerken.

Die MOOC-Zahlen zeigten jedoch einen kontinuierlichen Rückgang: 2017 hatten wir über 2.300 Leute, beim Corporate Learning MOOCamp 2020 nur noch 1.200, und beim Corporate Learning MOOC 2024 vermutlich nicht mal mehr 1.000. Man merkte, dass die Motivation zur Beteiligung, aber auch das Engagement für ein Orga-Team nachließ. Mein persönliches Gefühl war, dass wir den 2024er MOOC zwar durchgeführt haben, aber mit viel weniger Begeisterung und Drive als 2015.

Ausblick und Wünsche an die Community

Ich glaube, eine Community muss sich ständig neu erfinden, damit sie sich langfristig entwickelt. Karlheinz hat sich in den wohlverdienten „Community-Ruhestand" zurückgezogen (vielen Dank an dieser Stelle für Deinen unermüdlichen Einsatz für die Community!) und über das Expert Debriefing mit ihm haben wir es gut hinbekommen, dass das Viererteam CLCfour jetzt den Kern der Orga übernimmt. Ich sehe den Trend, dass wir mit den klassischen Formaten Barcamp und MOOC stagnierende oder rückläufige Teilnehmerzahlen haben und uns überlegen sollten, wie wir die Formate weiterentwickeln.

1. Event: Ich finde, eine Community braucht ein jährliches Format, das halte ich für wichtig. Persönlich merke ich aber, dass so dieses 100% Barcamp-Format durchgespielt ist. Ich fände es ideal, wenn wir Hybridität walten lassen - eine Kombination aus Fachkonferenz, Barcamp und Dinner/Party (und vielleicht auch einer Preisverleihung).

2. Regionen: Die regionalen Communities mit den Postleitzahlen-Kennungen könnten gestärkt werden. Ich fände cool: einen Kalender, wo wir jeden Monat 3-5 Events haben, die von Regionen organisiert werden, und dabei unseren „hybriden Muskel" verwenden, sodass man sich auch remote einwählen kann.

3. Microblogging: Ich hatte das Gefühl, dass Twitter für die Community wichtig war - für das Community Feeling die Entwicklung der #krasseherde . Durch Elon Musk ist Twitter kaputt gemacht worden, und es hat sich nie eine zweite Plattform entwickelt, auf der ähnliches Leben war. Ich sehe eine große Chance im Fediverse, speziell in unserer Mastodon-Instanz colearn.social , wo wieder eine ähnliche Kultur entstehen könnte wie auf Twitter.

4. Vision: Die Vision 2030 , die wir entwickelt haben, sollten wir mehr in die Praxis holen. Der Kern ist, Arbeiten und Lernen als eins zu sehen und das Lernen in die Arbeit integriert zu denken - das, was Harold Jarche in seinem Blog „Work is learning and learning is the work" schon 2012 adressiert hat.

5. Last but not least: Wenn ich über meine Notizen der letzten 15 Jahre gehe, merke ich, dass wir gemeinsam alt werden. Ich glaube, es wäre sinnvoll, wenn wir daran arbeiten, junge Menschen in die Community zu bringen. Die haben ganz andere Themen, andere Blickwinkel, gehen anders mit neuen Technologien um, wissen, wie man TikTok-Kanäle bedient. Das sind Perspektiven, die wir mitdenken müssen, auch wenn wir selber nicht die größten Fans davon sind.

Ich freue mich auf die nächsten 15 Jahre in der Corporate Learning Community und bin gespannt, wie wir diese Herausforderungen gemeinsam meistern werden.

Session auf dem #CLC17 (Foto von Frank Rumpenhorst), Das Bild stammt vom Corporate Learning Camp 2017. Auf dem Bild sieht
man eine Gruppe von Menschen, die in einem offenen Raum zusammensitzen.
Sie hören einer Person, Simon Dückert, zu, die vorne steht und etwas
erklärt. Die Person trägt eine orange Jacke und zeigt auf einen
Bildschirm. Auf dem Tisch liegen Mikrofone und Kopfhörer. Einige
Teilnehmende machen sich Notizen oder schauen auf ihre Handys. Die
Stimmung wirkt aufmerksam und
interessiert.

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