Wie mich ein Jahresziel (fast wider Willen) zu Erkenntnissen über Lernen, Motivation und Gemeinschaft führte
Wie mich ein Jahresziel (fast wider Willen) zu Erkenntnissen über Lernen, Motivation und Gemeinschaft führte
Autorin: Iris Komarek
Ich mag keine Ziele.
Ich weiß, das klingt in einer Community voller Learning Professionals sehr merkwürdig und es hat mehrere Gründe: In meinem beruflichen Leben haben sich die besten Entwicklungen nie durch klug formulierte Ziele ergeben, sondern eher durch spontane Impulse, Begegnungen oder überraschende Gelegenheiten. Zudem waren sie für mich eher einengend statt Orientierung gebend. Ziele fühlten sich für mich immer an wie Fitness-Abos im Januar: ambitioniert, teuer erkauft mit einem Motivationsschub, und spätestens im März eine stille Erinnerung daran, wie schnell man sich selbst überfordert.
Trotzdem habe ich 2023 ein Ziel formuliert. Öffentlich. Und zwar innerhalb des Corporate Learning Community Projektes #MeinZiel23. Das war zunächst nicht abzusehen, denn als das Projekt bekannt gegeben wurde, legte ich es aus oben genannten Gründen sofort zur Seite. „Das ist nichts für mich", war mein erster Impuls.
Mein zweiter Impuls war: „Vielleicht ein guter Moment, um Zielen eine zweite Chance zu geben". Und genau das tat ich dann.
Warum? Weil ich neugierig war, ob es in einem anderen Rahmen besser funktionieren könnte. Und weil mich der CLC-Ansatz überzeugt hat: „Wer andere in die Zukunft führen will, muss schon mal dort gewesen sein." Das klang plausibel -- und irgendwie auch charmant unbequem.
Ziel statt Zielskepsis
Die Idee war: Learning Professionals geben sich selbst ein Lernziel. Nicht irgendein Ziel, sondern eines, das sie wirklich weiterbringt, etwas, das sie bisher vielleicht immer aufgeschoben haben. Es gab regelmäßig kleine Impulse, Austauschmöglichkeiten und gegenseitige Ermutigung. Man durfte im eigenen Tempo arbeiten, alleine oder in Teams. Kein Wettbewerb, kein „höher, schneller, besser". Und das Ganze in einer Community.
Ich war zu der Zeit hauptsächlich in Asien unterwegs, lebte relativ unstet, mit Zeitverschiebung und wechselnden Bedingungen. Also entschied ich mich, mein Ziel ganz selbstständig zu verfolgen, aber innerhalb der Community-Struktur. Diese Mischung war ideal für mich.
Mein Ziel war es, einen Implementierungsleitfaden zu entwickeln, der Unternehmen hilft, den Transfer von Lernreisen in den Arbeitsalltag zu erleichtern. Ein Thema, das mich schon lange beschäftigte, v.a. bei den Ausbildungen zum Lerncoach. Ich musste nämlich immer wieder die Erfahrung machen, dass ich zwar viele tolle Coaches ausbildete und dann oft keine systematische Implementierung erfolgte, so dass es immer wieder im Sande verlief.
Also wollte ich schon immer bei dieser Etablierung unterstützen, z.B. indem ich einen Leitfaden entwickle, der die Verantwortlichen Schritt für Schritt anleitet. Auch wenn ich überzeugt bin, dass das sehr hilfreich wäre, packte ich es nie an. Zu groß, zu komplex, zu... ziele-lastig.
Boule statt Bullshit
Als dann das Jahresprojekt der CLC #MeinZiel23 hieß, packte ich die Gelegenheit beim Schopfe und nutzte es. Gleich zu Beginn teilte jemand in der Community ein Bild, das für mich zum Schlüssel wurde: Ziele seien wie die Cochonnets (die kleinen Zielkugeln) beim Boule: sie geben die Richtung vor, aber man trifft sie eigentlich nie exakt. Und das ist auch gar nicht der Punkt. Man wirft sich heran, kommt näher, korrigiert sich, lernt. Das Bild hat mich sofort entlastet. Ich durfte mich auf meine Weise heranpirschen, ohne den Druck, genau zu treffen.
Diese Metapher hat etwas in mir verändert. Ich begann, das Ziel nicht mehr als festen Punkt zu sehen, sondern als freundliche Einladung, mich auf den Weg zu machen. Und genau das tat ich.
Gemeinsam statt allein
Obwohl ich mein Projekt komplett allein verfolgt habe, fühlte ich mich nie allein. Ich wusste, da draußen sind Hunderte andere, die ebenfalls an etwas arbeiten, manchmal zweifeln, suchen, neu ansetzen. Das schuf eine Art unsichtbares Band, das mich motiviert hat, besonders an den Tagen, an denen ich am liebsten anderes getan hätte. Ich musste niemandem Rechenschaft ablegen, aber das Wissen um die Community war mein Rückenwind.
Das war für mich eine neue und extrem wertvolle Erfahrung, die mir erst im Nachhinein richtig bewusst wurde. Diese mentale Zugehörigkeit löste in mir tatsächlich einen Knoten.
Und dann waren da die regelmäßigen Impulse, Austauschformate, Mutmacher. Selbst wenn ich nicht live teilnehmen konnte (dank asiatischer Zeitzonenakrobatik), las ich später nach oder sah mir die Aufzeichnungen an. Dieses permanente, im Hintergrund stattfindende gemeinsame Vorangehen erinnerte mich immer wieder: „Da war doch was - dein Ziel!" Das Tolle: es fühlte sich nicht nach Pflicht an, sondern nach Zugehörigkeit.
„Machen wollen" statt „Machen müssen"
Was ursprünglich als eher pragmatisches Projekt begann („Mach halt mal diesen Leitfaden fertig"), wurde zunehmend zu einer Entdeckungsreise. Ich führte Interviews, tauchte in unterschiedliche Unternehmensrealitäten ein, verwarf erste Ideen, stellte neue Hypothesen auf. Ich hätte es auch oberflächlich erledigen können, aber ich ging tiefer, obwohl es niemand gefordert hat. Einfach, weil es spannend war. Weil ich verstehen wollte. Und weil ich wusste, dass ich es für etwas Größeres tue als nur für einen spezifischen Kunden oder gar mich selbst.
Am Ende ist ein Leitfaden entstanden, mit dem ich zufrieden bin: klar, praxisnah, anschlussfähig. Und ich bin überzeugt: Ohne die CLC hätte ich ihn so nicht erstellt. Nicht mit dieser Tiefe, nicht mit dieser Konsequenz.
Was bleibt
Wenn ich heute auf das Jahr 2023 zurückblicke, dann habe ich nicht nur ein Ziel erreicht, sondern auch meine Haltung zu Zielen verändert. Ich habe verstanden:
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Ziele müssen nicht perfekt definiert sein, um nützlich zu sein.
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Ich habe mich von der gängigen Haltung gelöst, dass Ziele im Vorhinein messbar formuliert werden müssen.
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Es hilft enorm, Teil einer größeren Gemeinschaft zu sein, auch ohne direkte Zusammenarbeit.
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Ich habe die Tiefe bei dem Projekt nicht durch eigenen Druck, sondern durch ein mentales Band erreicht.
Und welche Wirkung hatte diese Erfahrung?
Ich habe diese Einzelerfahrung genutzt, um grundsätzlich anders an das Thema Ziele heranzugehen. Wenn du also auch zu denen gehörst, die bei „Zielarbeit" innerlich die Augen rollen: Du bist nicht allein. Vielleicht helfen dir meine Learnings:
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Weg vom gefühlten Zwangskontext zu einem freien, unterstützenden Rahmen.
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Öffentliche Sichtbarkeit (auch nur in einem kleinen Kreis) kann helfen, dranzubleiben - ohne sich kontrolliert zu fühlen.
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Ein Ziel darf sich verändern. Es darf wachsen, sich anpassen, sich vielleicht sogar verlieren, solange du dich mitbewegst.
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Und: Gemeinschaft ist kein Nice-to-have, sondern ein echter Motivationsfaktor, gerade bei selbstgesteuertem Lernen.
Ich weiß nicht, ob ich jemals zu den großen Ziel-Formulierer:innen gehören werde. Aber ich weiß jetzt dank der CLC, dass es Ziel-RÄUME gibt, in denen ich gerne unterwegs bin und die ich in Zukunft noch viel mehr nutzen werde.
Und vielleicht ist das schon Ziel genug.