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Learning Communities erfolgreich aufbauen

Learning Communities erfolgreich aufbauen

Autorin: Tanja Laub

Meine ersten Berührungspunkte mit der Corporate Learning Community (CLC) hatte ich auf dem CommunityCamp 2018 in Berlin. Karlheinz Pape kam zu mir, nachdem ich eine Session über das Community Canvas gehalten hatte. Ob ich ihm kurz ein paar Fragen für einen Podcast für die CLC beantworten könnte? Klar, gerne.

Das Community Canvas (Quelle: Pfortmüller, Fabian, Luchsinger, Nico und Mombartz, Sascha (2017): The Community Canvas: A Framework to Build Meaningful Communities. URL: community-canvas.org Deutsche Übersetzung: Tanja Laub), Die Grafik zeigt ein buntes Schaubild mit drei Bereichen, die zusammen eine gute Community, also Gemeinschaft, beschreiben. In der Mitte (blau) steht das Herzstück: Zweck (Warum gibt es die Community?) Identität (Wer sind wir?) Werte, Marke, Erfolgsfaktoren Oben (rosa) geht es um das Miteinander in der Community: Rituale Geteilte Erfahrungen Inhalte Rollen Regeln Auswahl und Wechsel Unten (grün) geht es um das Drumherum und die Unterstützung: Organisation Steuerung Finanzierung Kanäle & Plattformen Datenmanagement Die Grafik zeigt: Eine starke Gemeinschaft braucht sowohl klare innere Werte als auch funktionierende Strukturen und gute Zusammenarbeit.

In der vorherigen Session hatte ich das Community Canvas vorgestellt, welches ich kurz zuvor erst in Australien bei der Swarm-Konferenz kennengelernt hatte. Das Community Canvas ist ein strukturiertes Modell zum Aufbau von Communities mit 17 Elementen, die sich in drei Bereiche gliedern: Identität (wer sind wir?), Erfahrungen (was erleben die Mitglieder?) und Struktur (wie funktioniert das organisatorisch?). Ein praktisches Werkzeug, um die richtigen Fragen zu stellen, bevor man eine Community startet.

Und damit sind wir schon mitten im Thema -- dem Aufbau von Communities.

In diesem Artikel schauen wir uns an, was Learning Communities auszeichnet und wie der Aufbau in der Praxis funktioniert.

Warum Learning Communities gerade jetzt so wichtig sind

Wir leben in einer Zeit rasanter Veränderungen. Traditionelle Bildungsstrukturen können mit dem Tempo des Wandels nicht mithalten. Formale Schulungen sind zu langsam, zu starr und oft zu weit entfernt von den realen Herausforderungen des Arbeitsalltags.

Während traditionelle Bildungsformate oft top-down organisiert sind und standardisierte Inhalte vermitteln, schaffen Learning Communities Rahmenbedingungen für individuell angepasstes, bedarfsorientiertes Lernen.

Sie ermöglichen „Learning on Demand" -- Lernen dann, wenn es gebraucht wird, in der Tiefe, die erforderlich ist. Sie nutzen die kollektive Intelligenz ihrer Mitglieder und machen implizites Wissen für alle verfügbar.

Gleichzeitig entsprechen sie dem menschlichen Bedürfnis nach Verbindung und Zugehörigkeit. In einer zunehmend digitalisierten Arbeitswelt schaffen sie Räume für echte zwischenmenschliche Begegnungen und authentischen Austausch.

Was zeichnet Learning Communities aus?

Learning Communities verkörpern eine besondere Form des kollaborativen Lernens. Sie entstehen aus einem spezifischen Bedürfnis heraus: dem Wunsch nach kontinuierlichem, kollaborativem Lernen in einer sich wandelnden Welt.

Die Corporate Learning Community formuliert ihren Zweck so: Sie bietet „Menschen Lerngelegenheiten und Ressourcen, um Entwicklungsprozesse bei sich und anderen zu provozieren, damit es gelingt, komplexe Anforderungen zu gestalten und Chancen abzuleiten." Hier wird deutlich: Es geht nicht nur um das Konsumieren von Wissen, sondern um das aktive Provozieren von Veränderung -- sowohl individuell als auch kollektiv.

Learning Communities zeichnen sich durch vier zentrale Charakteristika aus:

  • Starke thematische Verbindung: Mitglieder haben eine tiefe, berufliche oder persönliche Verbindung zum Thema. In der Corporate Learning Community sind es Menschen, die „Rahmenbedingungen für selbstgesteuertes Lernen gestalten und selbst ausprobieren" -- die also nicht nur über Lernen sprechen, sondern es aktiv gestalten.

  • Peer-to-Peer-Austausch auf Augenhöhe: Der hierarchiefreie Austausch ist ein Grundpfeiler. Wie die CLC es formuliert: „Lernen in Netzwerken, auf gleicher Augenhöhe, nicht hierarchisch, so sollte das Geben und Nehmen von Wissen und Erfahrungen permanent erfolgen." Jeder ist sowohl Lernender als auch Lehrender.

  • Regelmäßige, kontinuierliche Interaktion: Learning Communities leben von der Kontinuität. Bei der CLC findet der Austausch ganzjährig statt und in verschiedenen Formaten -- nicht nur bei großen Events wie den Corporate Learning Camps.

  • Fokus auf praktische Anwendung: Die Theorie wird zur praktischen Realität. Learning Communities übersetzen Konzepte in konkrete Handlungen und testen sie in der Praxis.

Diese vier Charakteristika ermöglichen eine besondere Stärke von Learning Communities: den Austausch impliziten Wissens -- jenem Erfahrungswissen, das schwer zu formalisieren ist und oft unbewusst angewendet wird. Während formale Schulungen primär explizites Wissen vermitteln, schaffen Learning Communities Räume für das „versteckte" Wissen, das in keinem Handbuch steht.

Die Corporate Learning Community macht diesen Prozess sichtbar: Praktiker tauschen sich über ihre Erfahrungen beim Aufbau von Lernkulturen aus, teilen gescheiterte Erfahrungen genauso wie Erfolgsgeschichten und entwickeln gemeinsam neue Ansätze.

Menschen verbinden

Beim Aufbau von Communities stehst du vor einem klassischen Dilemma: Du willst offen und einladend sein, aber gleichzeitig fokussiert genug bleiben, um echten Wert zu schaffen. Viele Community Builder machen den Fehler, möglichst inklusiv zu sein und niemanden auszuschließen. Jedoch, wenn du alle ansprichst, sprichst du niemanden an. Je spezifischer du deine Zielgruppe definierst, desto leichter wird es, eine Community zu schaffen, die echten Mehrwert bietet.

Grenzen schaffen Zugehörigkeit

Eine starke Community braucht Grenzen. Es braucht Outsider, damit es Insider geben kann. Diese Abgrenzung ist kein Ausschluss, sondern schafft Klarheit und Relevanz. Nur wenn klar ist, für wen die Community gedacht ist, entsteht ein Gefühl der Zugehörigkeit. Stell dir vor, du organisierst ein Meetup zum Thema „Lernen". Wenn du jeden einlädst -- vom Kindergartenkind bis zum Professor, vom Hobbybastler bis zum Bildungswissenschaftler -- wird es schwierig, alle Bedürfnisse unter einen Hut zu bringen. Wenn du jedoch gezielt Menschen einlädst, die sich für selbstgesteuertes Lernen in Organisationen interessieren, weißt du genau, welche Themen relevant sind.

Je enger die Grenzen, desto größer die Zugehörigkeit. Die Mitglieder haben mehr gemeinsame Herausforderungen, teilen ähnliche Erfahrungen und haben dadurch eine höhere Motivation, sich zu engagieren.

Verschiedene Partizipationsebenen ermöglichen

Nicht jede:r in einer Community kann oder möchte sich auf die gleiche Art und Weise und in der gleichen Intensität beteiligen. Menschen haben unterschiedliche Lebensumstände, Lernstile und verfügbare Zeitressourcen.

Eine flexible Partizipationsstruktur berücksichtigt das: Manche lesen nur mit und lernen durch Beobachtung, andere stellen gelegentlich Fragen zu konkreten Herausforderungen, wieder andere teilen regelmäßig Praxiserfahrungen.

Diese unterschiedlichen Partizipationsformen benötigen die passenden Räume -- sowohl digital als auch analog.

Räume schaffen

Communities leben in einem Ökosystem verschiedener Kanäle und Plattformen, zwischen synchronen und asynchronen, zwischen digitalen und analogen Formaten, die jeweils unterschiedliche Bedürfnisse erfüllen.

Communities brauchen beide Welten: digitale Räume für Kontinuität, physische Räume für Tiefe.

Digitale Räume ermöglichen zeitunabhängiges Lernen, globale Vernetzung und die Archivierung von Wissen. Sie senken Teilnahmehürden und ermöglichen verschiedene Partizipationsebenen -- vom stillen Mitlesenden bis zum aktiv Beitragenden. Diskussionen können durchsuchbar archiviert und so zur kollektiven Wissensbasis werden.

Physische Räume schaffen Vertrauen, ermöglichen nonverbale Kommunikation und schaffen emotionale Bindungen. Sie eignen sich besonders für komplexe Diskussionen, kreative Prozesse und das Knüpfen neuer Kontakte.

Die Corporate Learning Community nutzt LinkedIn als Hauptplattform für die Vernetzung und den professionellen Austausch. Parallel betreibt sie mit colearn.social eine eigene Instanz im Fediverse für schnelle Kommunikation. Der Blog colearn.de dient als Wissenssammlung, in der Erkenntnisse und Beiträge das ganze Jahr über gesammelt werden. Der ganzjährige Austausch über die digitalen Kanäle hält die Community zwischen den Events lebendig.

Die Corporate Learning Camps schaffen intensive Lernerlebnisse mit direktem Austausch vor Ort. Regionale Gruppen mit regelmäßigen Treffen sorgen für dauerhaften Austausch und Lernen.

Kultur des Lernens

Lerngemeinschaften funktionieren nur, wenn sich alle Mitglieder sicher fühlen, ihre Gedanken und Erfahrungen zu teilen. Das erfordert eine Kultur des wertschätzenden Umgangs, die über höfliche Umgangsformen hinausgeht.

Wertschätzung in Learning Communities bedeutet: Fragen werden nie als „dumm" abgetan, sondern als Lernchancen gesehen. Gescheiterte Erfahrungen werden genauso geteilt wie Erfolgsgeschichten, denn aus Fehlern lernt die ganze Community. Unterschiedliche Meinungen werden als bereichernd empfunden, nicht als störend.

Diese psychologische Sicherheit ist entscheidend für den Lernprozess. Gerade in Learning Communities ist dies besonders kritisch, da Lernen per Definition bedeutet, Unwissen zu offenbaren und sich verletzlich zu zeigen. Sie zeigt sich daran, dass Mitglieder bereit sind, Unkenntnis zuzugeben, um Hilfe zu bitten und auch kontroverse Themen anzusprechen.

Vertrauen entsteht durch kontinuierliche positive Erfahrungen und durch konsistente Moderation. Vor allem prägen etablierte Mitglieder die Kultur nachhaltig, wenn sie vorleben, wie konstruktives Feedback aussieht. Wenn Mitglieder erleben, dass ihre Beiträge wertgeschätzt, ihre Fragen ernst genommen und ihre Meinungen respektiert werden, wächst das Vertrauen in die Community.

Learning Communities aufbauen (Quelle: Tanja Laub), Die Grafik erklärt, wie man eine Lern-Community aufbauen kann. Oben stehen drei wichtige Bausteine: Menschen verbinden -- Menschen sollen sich zugehörig fühlen. -- Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie man mitmachen kann. Räume schaffen -- Digitale Räume helfen, um regelmäßig in Kontakt zu bleiben. -- Treffpunkte vor Ort helfen, um in die Tiefe zu gehen. Kultur des Lernens -- Es soll ein sicherer Raum sein, wo man offen sprechen kann. -- Alle gehen respektvoll miteinander um. Darunter folgen vier Merkmale, die eine Lern-Community ausmachen: Starke Verbindung zum Thema: Alle beschäftigen sich beruflich oder privat intensiv mit dem Thema. Austausch auf Augenhöhe: Jeder darf lernen und lehren, ohne Hierarchie. Regelmäßiger Kontakt: Es gibt laufend Gespräche in unterschiedlichen Formaten. Praxisbezug: Das Gelernte wird direkt in der Praxis angewendet.

Erste Schritte für eigene Lern-Communities

Wer eine Learning Community aufbauen möchte, sollte klein anfangen. Definiere zunächst einen klaren, spezifischen Zweck und eine fokussierte Zielgruppe. Wähle eine Hauptplattform, die zu deiner Zielgruppe passt, und ergänze sie gezielt durch weitere Kanäle. Achte dabei auf die Balance zwischen digitalen und physischen Formaten. Schaffe von Anfang an eine Kultur der Wertschätzung und des respektvollen Umgangs.

Der Fahrplan

Phase 1 - Fundament: Starte mit 5-10 engagierten Personen aus deinem Netzwerk. Diese Kerngruppe definiert gemeinsam Zweck, Regeln und erste Inhalte. Besser eine kleine, aktive Gruppe als eine große, passive Masse.

Phase 2 - Aktivierung: Etabliere regelmäßige Formate: wöchentliche Diskussionen, monatliche Expertenrunden oder Peer-Learning-Sessions. Dokumentiere Erkenntnisse und mache sie für alle zugänglich.

Phase 3 - Wachstum: Erweitere schrittweise den Kreis und etabliere neue Formate.

Wichtig: Lass Raum für organisches Wachstum. Die besten Ideen kommen oft von den Mitgliedern selbst. Deine Aufgabe ist es, diese Eigeninitiative zu ermöglichen und zu unterstützen, nicht sie zu kontrollieren.

Ausblick: Die Zukunft des gemeinschaftlichen Lernens

Learning Communities werden in Zukunft noch wichtiger werden. Die Halbwertszeit von Wissen verkürzt sich, gleichzeitig steigt die Komplexität der Herausforderungen. Individuelle Lernansätze stoßen an ihre Grenzen -- kollektive Intelligenz wird zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil.

Technologische Entwicklungen wie KI werden Learning Communities unterstützen, ohne sie zu ersetzen. Sie können helfen, relevante Inhalte zu kuratieren oder Lernpartner zu finden. Der Kern bleibt jedoch menschlich: der authentische Austausch von Erfahrungen, das gemeinsame Durchdenken von Problemen, die emotionale Unterstützung in schwierigen Phasen.

Check In auf dem CLC19HH (Foto von Christian Augustin, im Auftrag von Nordmetall, CC BY 4.0), Das Foto stammt vom Corporate Learning Camp 2019 in Hamburg. Das Bild zeigt die Anmeldung bei der Veranstaltung. Eine Person übergibt einem Gast einen Namensausweis mit Schlüsselband. Auf dem Tisch liegen weitere Namensschilder. Im Hintergrund sind weitere Personen zu sehen.

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