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Ein Avatar bittet aufs Podium. KI-Moderation im Praxistest

Ein Avatar bittet aufs Podium. KI-Moderation im Praxistest

Patrick Mülleder

An einem warmen Novembertag 2024 lud die Corporate Learning Community (CLC) gemeinsam mit dem Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) nach Frankfurt zum Barcamp ein. Wie eigentlich überall zu dieser Zeit war KI das dominierende Thema -- doch anders als fast überall ging es hier ums Ausprobieren, Evaluieren und Diskutieren noch nicht schlüsselfertiger Lösungen.

Und so startete eine Erfahrungsreise mit Oliver Schadow, der zu einer KI-moderierten Podiumsdiskussion eingeladen hatte. Rund zwanzig neugierige Menschen aus Fleisch und Blut folgten seinem Aufruf, um herauszufinden, wie weit die KI bereits beim Ersatz -- oder zumindest bei der Unterstützung -- von Moderierenden ist. Eingeleitet mit witzigen Anekdoten des Gestalters beim Erstellen der Session wurde schnell klar: In dieser Session gibt's was zu lachen, aber auch genug Stoff zum Grübeln. Denn die Frage, wie weit eine Kerntätigkeit vieler Teilnehmender künftig von KI-Technologien bedroht -- oder zumindest verändert -- sein könnte, hing wie ein stiller Co-Moderator im Raum.

Nach einer kurzen Einführung und dem Suchen nach Diskutierenden war es dann soweit: Der Avatar erschien auf der Leinwand - freundlich lächelnd, adrett gekleidet und mit einer Geduld, die jedem menschlichen Moderator zur Ehre gereicht hätte. Schon nach den ersten Minuten staunten wir über die geringe Latenzzeit. Kaum war eine Frage gestellt, kam die Antwort. Kein Räuspern, keine Nachdenkpause, kein „Moment, ich muss noch schnell die Folie suchen" oder andere Verzögerungen.

Auch das menschliche (bzw. zumindest menschenähnliche) Antlitz verblüffte. Der Avatar wirkte nicht wie ein Charakter aus Videospielen der frühen 2000er-Jahre, sondern erstaunlich nah dran am „echten Menschen". Einzig die manchmal etwas unnatürlichen, immer wiederkehrenden Gesten und Bewegungen ließen noch erkennen, dass die Person am Bildschirm kein natürliches Geschöpf war.

Was aber besonders eindrucksvoll in Erinnerung blieb, war die Erinnerungsleistung des digitalen Kompagnons. Während wir noch überlegten, wer vorhin eigentlich was gesagt hatte, griff der Avatar souverän auf jede Wortmeldung zurück -- egal ob sie gerade eben oder schon vor zehn Minuten getätigt wurde. Fast schon unheimlich präzise -- und irgendwie etwas beschämend für unser menschliches Gedächtnis.

Eine Stärke war aber auch, dass die digitale Alternative zum Moderierenden heterogene und komplex wirkende Aussagen relativ präzise zusammenfassen konnte. Nach mehreren Beiträgen nahm die KI die lose Sammlung von Gedanken, ordnete sie, packte eine Schleife drum und warf das Ganze wieder in die manchmal staunende Runde. In der Diskussion danach waren sich viele einig: Zusammenfassen kann sie, die KI. Für Kreativität fehlt es aber noch an Entwicklungsarbeit und den zugrundeliegenden Technologien.

Wo die KI ins Stolpern kam

Natürlich zeigte sich in der Auseinandersetzung mit der KI, aber vor allem in der Gruppe auch, wo die Maschine an ihre Grenzen stieß. Wie viel Kreativität hat(te) die KI zu diesem Zeitpunkt? -- Eher begrenzt -- manche fühlten sich wie beim Ansehen einer scripted reality-Serie. Nach dem dritten Mal fühlte es sich eher an, als würde man in ein freundliches, aber etwas eintöniges Echo sprechen.

Ein besonders heikler Punkt war auch die (richtige) Zuordnung der Diskussionsteilnehmenden. Mehrfach legte der Avatar Redebeiträge der falschen Person in den Mund und kam im Laufe des Gesprächs dann durcheinander. Es hatte etwas von „Stille Post" im digitalen Zeitalter -- nur dass es diesmal nicht am Flüstern lag. Auch die Namenserkennung war eine Herausforderung. Nur, wenn man brav den eigenen Namen voranstellte, wusste der Avatar halbwegs, wer sprach. Doch selbst dann war es eher eine Art KI-Lotterie, ob die Zuordnung passte.

Und bei Emotionen -- ganz besonders bei diesem eher emotionalen Thema - blieb der Avatar gänzlich unbeeindruckt. Leidenschaftliche Zwischenrufe und Argumente wurden genauso sachlich zusammengefasst wie nüchterne Statements. Für eine hitzige Debatte mag das\ neutral wirken, für echte Lebendigkeit aber eher fade.

Stimmen aus der Runde

Spannend waren dann aber die Reaktionen in der anschließenden Diskussion. Eine Teilnehmerin meinte trocken: „Bevor ich gar keine Moderation habe, baue ich lieber so etwas ein. Für einfache Moderationen, wie in internen Meetings oder so, taugts schon." Andere waren dagegen kritischer -- aber davon lebt dieses Formal schließlich.

Einige betonten auch, dass die Diskussion anstrengender war als gewohnte Diskussionsformate. Man musste sich nicht nur auf die Inhalte und Argumentationslinien konzentrieren, sondern gleichzeitig überlegen, wie man seine Wortmeldungen so formuliert, dass die KI sie versteht -- und hoffentlich nicht wieder einer anderen Person zuschreibt.

Die Bandbreite an Meinungen war aber angenehm groß. Von völliger Ablehnung bis zu vorsichtigem Optimismus, dass KI künftig helfen könne, Moderation mit weniger Ressourceneinsatz durchzuführen, waren viele Schattierungen dabei. Manche sahen Potenzial darin, dass die besprochenen Inhalte nachhaltiger dokumentiert und in konkrete Ziele überführt werden können. Andere blieben skeptisch, ob damit nicht ein Stück Menschlichkeit auf der Strecke bleibt.

Zwischen Lernkurve und Zukunftsmusik

Eindrücklich war die steile Lernkurve. Die erste Diskussion mit dem Avatar wirkte noch etwas holprig. Doch schon nach kurzer Zeit schien die Maschine besser in Tritt zu kommen. Persönlich kann ich mir vorstellen, dass Avatare eher für 1:1-Sessions eingesetzt werden können - etwa als Mentor, Lernbegleitung oder Tutor. Oder auch in kleinen Gruppen, wo ihre Stärke bei der Zusammenfassung, Visualisierung und Protokollierung der Inhalte besser zur Geltung kommt.

Der Sessiongeber berichtete zudem, wie rasant sich die Technologie entwickelt. Noch drei Monate zuvor sei der Avatar ein stotterndes Etwas gewesen, roboterhaft, mit langen Latenzzeiten und minimalem Kurzzeitgedächtnis. Jetzt aber wirkte er fast schon praxisfähig. Diese Geschwindigkeit der Entwicklung war für viele im Raum fast so beeindruckend wie die Moderation selbst.

Natürlich gibt es auch eine harte Realität: Derzeitige Lizenzmodelle sind teuer und die Einarbeitung erfordert viel Zeit. Für Praxistauglichkeit im betrieblichen Kontext ist das eine echte Herausforderung.

Aber genau hier zeigte sich für mich der Wert der CLC. Solche Formate bieten einen Raum, in dem solche Technologien praxisnah ausprobiert, kritisch diskutiert und gemeinschaftlich reflektiert werden können -- auch ohne Anspruch auf fertige Lösungen. Für die Lernkurve bedeutet das: Innerhalb von 45 Minuten erlebten wir in der Gruppe eine (Bildungs)Effizienz, die manch anderer Bildungsanbieter nicht mal an einem ganzen Workshoptag schafft.

Was bleibt

Für mich war dieses Barcamp nicht das erste der CLC, aber wie beim ersten Mal eine ausgesprochen positive Erfahrung. Das offene, einladende, praxisnahe und lernwirksame Format, gepaart mit kompetenten und dem gemeinsamen Lernen verschriebenen Personen machen für mich den Mehrwert aus. Besonders der informelle Austausch und die Möglichkeiten zur Vernetzung erwiesen sich als fruchtbar und waren neben den eigentlichen Sessions fast schon das wichtigste Lernfeld.

Inhaltlich standen am Ende zwei Gefühle nebeneinander: Staunen über die Präzision und Struktur, die KI-Technologien mittlerweile aufweisen. Und Nachdenklichkeit über das, was die KI eben noch nicht menschlich erscheinen lässt (und wo sich die CLC mit ihren Funktionen und Zielen eindeutig heraushebt).

Wohin die Richtung geht, scheint dabei klar: Es wird darum gehen, sinnvolle und nachhaltige Einsatzmöglichkeiten zu identifizieren. Nicht jedes Meeting braucht einen Avatar, und nicht jede Diskussion verträgt sterile Effizienz. Aber dort, wo Neutralität, Ordnung und strukturierte Abläufe gefragt sind, können Avatare künftig eine Rolle spielen. Gleichzeitig werden wir lernen müssen, wie man tragfähige Lösungen entwickeln kann, welche zum jeweiligen Zweck passen. Und genau hier wird auch weiterhin der menschliche Faktor eine größere Rolle spielen.

Vielleicht ist es wie damals, als die ersten PCs in den 90ern in die Büros einzogen. Anfangs wusste niemand so recht, was man damit anfangen sollte. Heute sind sie aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Vielleicht wird es mit KI-Technologien ähnlich sein: Schrittweise ausprobieren, Grenzen austesten, Möglichkeiten entdecken. Egal welche Kerbe die Zukunft einschlägt -- mit kooperativem Lernen in Communities und in solchen offenen Formaten ist die Beschreitung dieser Zukunft leichter möglich.

Am Ende wurde der Avatar, nach einer freundlichen Verabschiedung, wieder abgedreht und es blieben Menschen zurück, die zwischen Schmunzeln, Staunen und Skepsis schwankten. Und die Erkenntnis, dass wir soeben nicht nur einen ungewöhnlichen Moderator erlebt hatten, sondern auch einen Blick in die Zukunft werfen konnten.

Die entscheidende Frage aber bleibt: Wollen wir wirklich, dass Avatare künftig Podien leiten -- oder brauchen wir nicht doch weiterhin die Emotionen, das Chaos und die kleinen Patzer, die lebendige Diskussionen erst ausmachen? Genau hier kommen die CLC und solche Formate in den Blick, die Raum für Erfahrungslernen geben und ohne kommerzielle oder politische Interessen die (zutiefst menschliche) Persönlichkeitsentfaltung ermöglichen.

Sessionvorschlag auf dem #CLC17 (Foto von Frank Rumpenhorst), Auf dem Bild ist ein Zettel mit einem Session-Vorschlag im Rahmen des Corporate Learning Camps 2017 zu sehen. Oben steht: „Mein Session-Vorschlag:" Darunter auf Englisch: „How do I do digital learning?" Und auf Deutsch: „Kompetenzen für digitales Lernen lernen" Der Zettel ist mit einer grünen Pinnnadel an einer Wand oder Pinnwand befestigt. Im Hintergrund sind weitere Zettel sichtbar.

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